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Lehrer*innen in Zeiten der Krise

Nach einer Woche, in der das öffentliche Leben irgendwie zum Erliegen gekommen ist und die Schulen den Regelunterricht eingestellt haben, möchte ich zwei Gedanken zum Lehrer*innendasein in der Krise loswerden.

1.

„Mit einem Schlag wurde Unterricht digital.“ Diesen – fast feierlich vorgebrachten – Satz habe ich zuletzt des Öfteren gehört. Anfangs habe ich ihn mal dort und da selbst angebracht. Nach einer Woche muss ich sagen: Stimmt nur bedingt.

Ich weiß sehr gut, dass es unter den Lehrer*innen auch solche gibt, die ihre Schüler*innen sich selbst überlassen und sich nicht darum kümmern, wie die Kids die Zeit verbringen. „Ich bin kein digital native“ kann bei dem Überangebot an benutzer*innenfreundlichen Tools oder simplen Online-Übungen nicht als Ausrede gelten. ABER: Solche Fälle gibt es in ausnahmslos JEDER Berufsgruppe. Aus meinen Beobachtungen kann ich feststellen, dass die riesengroße Mehrheit der Lehrer*innen sich irrsinnig ins Zeug legt – gerade auch die älteren Kolleg*innen – und sehr wohl guten Fernunterricht ermöglicht, zum Teil sogar mit mehr Aufwand als durch physische Präsenz.

Und wenn man ein Fach unterrichtet, wo das sogenannte Homeschooling eventuell ein wenig schwieriger ist, kann man das auch so lösen, wie mein Kollege in der Rahlgasse, der eine wahnsinnig nette Idee hatte: https://kurier.at/kiku/chance-selbst-zu-entscheiden-wie-ihr-eure-zeit-fuellen-wollt/400785344

2.

Weil dieser Tage alle immer von Entschleunigung reden, habe ich mich gefragt, wie es diesbezüglich bei mir, eine Woche danach, aussieht.

Und so viel kann ich sagen: Von Entschleunigung keine Spur. Ganz im Gegenteil. Ich habe von Montagmorgen bis Freitagabend (und zum Teil auch heute) mit ca. 100 Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen kommuniziert. Ich habe per Mail, per Moodle, per Webuntis-Messenger alle möglichen Fragen beantwortet, Aufgaben bekommen und welche zugestellt. Und es ist ja jetzt nicht so, dass ich zum 1. Mal digital unterrichte. Ich muss mich selbst zwingen, am Samstagabend nicht auf jede Frage sofort einzugehen und 24/7 erreichbar zu sein. Von den Korrekturarbeiten habe ich jetzt dabei noch nicht gesprochen.

Ich habe lange Elternbriefe geschrieben, da es mir wichtig scheint, diese – bei 10- bzw. 14-jährigen Kids – zumindest zu informieren, was da gerade so passiert im Deutschunterricht. Ich habe nette Antworten bekommen und wiederum auf diese geantwortet. Ich habe ihnen gesagt, dass ich mir wünsche, dass sie möglichst wenig vom Unterricht mitbekommen, um sie nicht zusätzlich zu belasten.

Ich habe den Kindern neue Passwörter zugeschickt, weil sie ihre vergessen hatten oder krank waren. Ich habe von kaputten Handys und Laptops gehört. Ich habe Kids beruhigt, die sich geärgert haben, dass jede_r Lehrer_in etwas anderes will, andere Tools benützt und dass es keine schulinterne Regelung gibt. Ich habe extrem viele Kinder und Eltern beruhigt, wenn Sachen in der Schule vergessen wurden. Ich habe mit Müttern und Vätern geschrieben, die mit der Situation komplett überfordert sind, weil sie zuhause drei Kinder betreuen, daneben arbeiten oder alleinerziehend sind. Und manchmal alles zusammen. Ich habe mit solchen gesprochen, die gerade nicht die technischen Voraussetzungen haben, digital lernen zu können. Ja, auch das gibt es. Ich habe mit Kindern geschrieben, die gut mit allem zurechtkommen, die ihre Aufgaben selbstständig erledigen können. Ich habe mit Eltern geschrieben, die heillos überfordert sind- jedoch nicht aufgrund der Aufgaben. Ich habe Kindern Mut zugesprochen, denen die Schule fehlt, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und habe ihnen Bastel- und Spieletipps geschickt. Die Seiten Fragfinn.de https://www.fragfinn.de/ und helles-koepfchen.de https://www.helles-koepfchen.de/ kann ich dazu übrigens für die Kleinen sehr empfehlen. Ich habe mit Kindern kommuniziert, denen es zuhause „sehr gut“ geht. Und ich habe von manchen Kindern bislang noch gar nichts gehört und habe meine Vermutungen, warum dem so ist. Ich habe aber vor allem wahnsinnig viel über mich selbst gelernt und für meinen Unterricht mitgenommen.

All diese oben genannten Aspekte müssen in der Frage des digitalen Unterrichtens mitbedacht werden. Und auch die Tatsache, dass nicht alle Kinder grad den Kopf frei haben zu lernen, oder wie ein Kollegin in einem Mail so schön schreibt:

„Bitte denkt daran, dass unsere Schülerinnen nicht nur froh sind, dass sie keine Schule haben, sondern ich habe einige in den letzten Tagen erlebt, die sich auch Sorgen machen. Wir wissen nicht, wie viele Eltern arbeitslos werden, welche Großmütter oder Großväter ins Spital kommen usw. Also ganz real, haben manche unserer SchülerInnen vielleicht auch eine schwere Zeit vor sich.“

Und nochmals zur Entschleunigung: In einer Hinsicht merke ich sie nun doch. In all meinem Tun komme ich ungewohnt langsam voran. Vielleicht, weil sich manchmal die Fassungslosigkeit meldet, ich innehalten muss und mich frage, in welch unglaublichen Zeiten wir da gerade leben.

Ein Feedback – wie unten – von den Kindern, die sich mit der Situation zuhause sehr leichttun, ist für mich dann die schönste Rückmeldung <3.

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Warum der Mann nicht verwöhnt ;)

Heute wird’s ein bisschen persönlicher. Wenn ich von Bildung, Inklusion und Wissenschaft als meine Herzensthemen rede, dann hat das zwei Ursachen. Die erste beschreibe ich heute:

Ich bin die Erste in meiner Familie, die studiert hat.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Texte nie so zu beginnen, aber in diesem Fall ist es wichtig, denn mein politisches Engagement hat einen starken persönlichen Hintergrund.

Mein Studium war nur möglich mit einem sehr kleinen Stipendium, Unterstützung von zuhause (obwohl es meine Eltern selbst gar nicht so leicht hatten – mehr dazu im nächsten Beitrag) und kontinuierlicher Arbeit nebenher, z. B. beim Mann, der verwöhnt. Hier hat mir schon der Name nicht wirklich gut gefallen und abgesehen davon habe ich öfter das Klo geputzt als Semmeln verkauft. Herr Mann kann allerdings nichts dafür, das sei fairerweise erwähnt.

Die nächsten Studi-Jobs führten mich zu H&M (wo ich wesentlich netter behandelt wurde) und zu diversen Kellner*innenjobs, z. B.  bei „Wenn die Musi spielt“ (ja, die Musi habe ich dabei ein bisschen ausgeblendet).

Als ich beim H&M gekündigt habe, weil ich ein Praktikum im Grünen Parlamentsklub (bei Kurt Grünewald) im Bereich Wissenschaft & Forschung bekommen habe, freute ich mich sehr, fühlte mich aber gleichzeitig so, als würde ich die Mitarbeiter*innen von H&M im Stich lassen. Ich hätte es allen sehr gewünscht, so ein Praktikum machen zu dürfen und bin der Situation extrem demütig gegenübergestanden. Grüner Parlamentsklub, das sind zwei starke Worte für eine 22-jährige Studentin, deren Berufserfahrung sich bislang auf oben Erwähntes beschränkte.

Danach führt eines zum anderen: Jobs an der Uni in Forschungsprojekten, z. B.  bei Anna Babka, der Auftrag als Lehrerin an der prestigeträchtigen Schule in der Rahlgasse, Universitätsassistentin am ersten Lehrstuhl für Fachdidaktik an der Germanistik Wien. Aber obwohl ich zweimal das Leistungsstipendium der Uni Wien bekommen habe, zwei Studien mit Auszeichnungen abgeschlossen habe und für mein Alter schon recht viel publiziert hatte, fühlte ich mich immer noch ungewöhnlich fremd in dieser akademischen Welt. Im Bewusstsein darüber, dass Bildung vererbt wird, wie man so schön sagt, hatte ich lange das Gefühl, dass die Universität für andere bestimmt ist: Kinder aus Akademiker*innenhaushalten zum Beispiel oder Leute, die viel Geld haben, die nicht Studium und Beruf unter einen Hut bringen mussten, sondern ohne Doppelbelastung einfach nur studieren durften.

Herkunft vergisst man nicht. Sollte man auch nicht vergessen.

Durch meine Wurzeln sind mir viele Ungerechtigkeiten erst bewusst geworden. Dabei hatte ich es noch leichter als viele andere, die sich ohne jegliche Unterstützung durchschlagen mussten. Und bei anderen war der Weg wegen finanzieller Einschränkungen ohnehin vorgezeichnet und ein Studium kam gar nicht erst infrage.

So habe ich mich einmal mehr an meine Herkunft erinnert, als man mich bei einem Bewerbungsgespräch für die Grünen nach meiner Meinung zu Studiengebühren fragte. Der damalige Bundessprecher Alexander Van der Bellen hatte sich gerade noch recht offen dafür ausgesprochen. Natürlich war das kein geteilter Konsens in der Partei. Meine Antwort war die, die ich auch heute noch geben würde: „Solange das Stipendienwesen nicht so ausgebaut ist, dass das Geld bei denjenigen ankommt, die es am dringendsten brauchen, so lange bin ich absolut gegen Studiengebühren.“ Mir hat das Stipendium mit 19 das Leben ein wenig erleichtert, aber es hat bei weitem nicht ausgereicht.

Ich lasse die Absurditäten des Stipendienwesens jetzt mal bewusst weg. Aber mit diesem Gedanken, dass Herkunft prägt, dich ein Leben lang begleitet und alle die gleichen Chancen haben müssen, bin ich Lehrerin geworden. Und mit diesem Gefühl, das mich immer begleitet und begleiten muss, möchte ich Politik machen. #bildungfürallejuliamalle

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Schulen kühlen!

It’s getting hot in here! Her mit den coolen Schulen!

Abgesehen davon, dass im Bildungsbereich noch einiges an Arbeit vor uns liegt, um Schulen wirklich cool zu machen (ich sage nur das Fehlen einer gemeinsamen Schule, Ziffernnoten in den Volksschulen und der allgemeine Testwahnsinn, der da Einzug hält), möchte ich mich einmal einem Thema widmen, das immer spürbarer wird.

Das Thermometer ist in den letzten Tagen in die Höhe geschnellt, Leute mit kurzen Hosen am Donaukanal, am 1. Februar. Diesen ersten Sonnentag wird wohl fast jede_r genossen haben. Zugegeben: ich auch! Dennoch hat er – zumindest in meinem Umfeld – bei vielen auch einen komischen Beigeschmack hinterlassen.

Extreme Wetterschwankungen werden mehr. Und das merkt man nicht nur außerhalb von Gebäuden. Die Klimakrise bringt es mit sich, dass immer mehr Hitzetage in den Klassenzimmern bereits ab Mai zu verzeichnen sind. Und diese halten mittlerweile bis in den Oktober hinein an.

Die Folgen sind mangelnde Konzentrationsfähigkeit von Schüler*innen und Lehrer*innen, extreme Müdigkeit durch viel zu heiße Frühlings- und Herbsttage. „Für viele Schüler*innen ebenso wie für ihre Lehrer*innen bedeutet der Klimawandel, immer mehr Tage in Klassenzimmern verbringen zu müssen, in denen es drückend heiß ist“, schreibt Romana Beer auf orf.at. Als Lehrerin weiß ich: Sie hat Recht!

Auch Direktor*innen hätten als größte aktuelle Herausforderung für Schulen laut Falter den Klimawandel genannt. Aus Sicherheitsgründen könnten die Fenster oft nicht geöffnet werden, so die befragten Schulleiterinnen, und generell seien die Schulen als Gebäude nicht fit für die Klimakrise. Auch dieses Problem ist mir aus meiner eigenen Schule gut bekannt.

Ähnlich wie auch schon beim Thema Essen/Ernährung bietet das Thema Klimakrise ebenso Chancen, es – auch fächerübergreifend – didaktisch und pädagogisch sinnvoll zu nutzen. Wenn Schüler*innen in partizipativer Weise in Überlegungen miteinbezogen zu werden, wie ihre Schule cooler wird, kann das Unterrichtsprinzip Umweltbildung mit Leben gefüllt werden. „Wo, wenn nicht in der Schule, sollen die Kinder einen sorgsamen Umgang mit unserer Umwelt lernen? So könnten etwa interaktive Infotafeln zu ökologischem Fußabdruck, Sauerstoffgehalt im Klassenzimmer und Müllmengen die Nutzerinnen und Nutzer der Schule in Bezug auf ihr Verhalten sensibilisieren“, so Johannes Kraus von Archipel Architekten.

Wichtig scheint mir aber – das habe ich in vielen Unterrichtssituationen, in denen Klima und Umwelt Thema waren bemerkt -, den Schüler*innen dabei nicht das Gefühl zu geben, mit der Last der Klimakrise allein zu sein. Vor einigen Monaten habe ich mit einer 1. Klasse eine Harry-Potter-Stunde durchgeführt. Als die Frage aufkam, was die Kids denn gerne herzaubern würden, wenn sie es denn könnten, haben fast alle geantwortet, sie würden gerne zaubern, dass es Umwelt und Klima wieder gut ginge. Vor ein paar Jahren waren die Antworten andere gewesen. Geldmaschinen, die noch mehr Geld produzieren, eine Welt voller Süßigkeiten, Hupfburgen überall und viele bunte Dinge mehr… In dieser Harry-Potter-Stunde lag jedoch eine bedrückende Ernsthaftigkeit im Raum, die die Kleinen jetzt großteils spüren.

Was ich damit sagen will: Auf den Schultern der Kinder lastet die Klimakrise und ein Druck, der nicht altersgemäß ist. Nur sind die Kinder die letzten, die für diese Krise zur Verantwortung gezogen werden können. Auch wenn sie Vorbilder in ihrem Verhalten für Erwachsene sein können, sollten wir ihnen unbedingt auch etwas von der Schwere und dem Druck nehmen und erklären, welche Verantwortung das System eigentlich hat.

Dieses wird sich ändern müssen, sich selbst hinterfragen.

Und in der Planung auf Stadtebene wird man Schulsanierungspakete um den Faktor Klimakrise ergänzen müssen und auch bei Altbauten entsprechende Maßnahmen budgetieren.

In diesem Sinne:

System change! Not children change!

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Politik auf dem Teller – Schulküchen als Lernorte

Letzten Oktober fand im Architekturzentrum Wien das Symposium „Politik auf dem Teller“ statt. Dabei ging es um die Frage, wie die Lebensmittelversorgung in der Stadt aussehen kann.

Ich möchte diese Frage auf Schulen und andere Bildungsinstitutionen ausweiten und konkret das Thema Ernährung/Lebensmittel in der Schule bzw. Schulküchen fokussieren.

Gutes und gesundes Essen trägt nicht nur wesentlich zur Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit der Schüler*innen bei, reduziert Müdigkeit und wirkt sich dadurch positiv auf das Lernen aus. Gesundes und nachhaltig produziertes Essen hat auch unmittelbar positiven Einfluss auf Umwelt und Klima und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Umwelterziehung.

Nicht alle Kinder haben jedoch die Möglichkeit, sich gesund zu ernähren. Nicht alle Kinder lernen automatisch den bewussten und nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln. Die Schule als Bildungsinstitution könnte hier den Ausgleich zu schaffen. Einerseits soll Schüler*innen das Frischkochens nähergebracht werden, andererseits haben in diesem Bereich kompetente Schüler*innen auch Vorbildwirkung für Erwachsene.

Schüler*innen in der Stadt haben nicht immer denselben Zugang zu unverarbeiteten Nahrungsmitteln wie es Kinder am Land theoretisch haben. Schule kann aber die Bausteine einer gesunden Ernährung, das Basiswissen und die Grundlagen des Kochens näherbringen. Sie kann für die Vielfalt an Gerichten und Nahrungsmitteln sensibilisieren, aber auch Bewusstsein für nachhaltiges Einkaufen etc. aufbauen. Sie kann zeigen, wie mit einfachen Mitteln Abwechslungsreiches zubereitet werden kann und Bewusstsein dafür schaffen, dass es Alternativen zu fertig verarbeiteten und in Plastik verpackten Lebensmitteln gibt.

Dazu braucht es Orte. Im Rahmen von Schulküchen können Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz praktisch geübt werden. Wo kaufe ich Essen? Wie transportiere ich es? Wie bereite ich es zu? Wie gebe ich es aus? Was geschieht mit dem Rest? Wie reduziere oder vermeide ich CO2?

Schulküchen – manchmal sogar mit eigenen Schulköch*innen – gibt es bereits in einigen Ländern. Sie weisen einen recht unterschiedlich hohen Bioanteil auf. Im Vergleich zu Wien mit einer Bio-Quote von 30-50 % in Kindergärten und Schulen liegt die Bio-Quote in Kopenhagen bei 90 %. Hier wäre daher seitens der Stadt noch deutlich Luft nach oben.

Kurzfristiges umsetzbares Ziel könnte es neben dem Näherbringen einer gesunden Ernährung und des Frischkochens sein, die Bioquote zu erhöhen, eine besondere Berücksichtigung regionaler Produkte und eine nachhaltige Lebensmittelbeschaffung zu gewährleisten.

In Schulküchen als Lernorte bestünde die Möglichkeit des Kochens füreinander – z.B. Klassen für Klassen – unter professioneller Anleitung.

Didaktisch und pädagogisch gesehen werden Kinder zur Mitbestimmung erzogen, indem sie ihre Entscheidungen eigenmächtig treffen dürfen. Sie argumentieren für eine bestimmte Wahl an Nahrungsmittel oder dagegen, nehmen persönliche Standpunkte ein und setzen sich mit Gegenpositionen auseinander. Kurz: Schüler*innen lernen, sich kritisch mit dem Thema Ernährung auseinanderzusetzen und ihre eigenen Positionen zu vertreten. Sie lernen aber insgesamt auch, was Ernährung mit Umwelt, Klima und der sozialen Frage zu tun hat.

Denn Essen ist politisch!

Fragen, die mich gerade bewegen:

Welchen Beitrag kann die Schule/der Bezirk für eine gesunde und ökologische Ernährung leisten? Wie kann Kindern in einfacher Weise gelehrt werden, gesunde Nahrungsmittel leicht und gut zuzubereiten? In welcher Weise können Schulküchen zu Lernorten werden? Braucht es hierfür eigene Schulköch*innen? Wie kann die Stadt unterstützen?

Schickt mir gerne eure Ideen an: julia.malle@gruene.at

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Mehr loben, weniger toben

Loben ist besser als schimpfen. Soweit, so logisch, die Überschrift eines Artikels auf ORF.online vom 29. Jänner. Dieser bezieht sich auf eine 3-jährige US-Studie der Brigham Young University, bei der über 2.500 Schüler*innen im Alter von fünf bis zwölf Jahren über einen längeren Zeitraum beobachtet wurden.

Logisch ist Lob besser als schimpfen, dazu braucht es keine eigene Studie. Was diese jedoch zum Vorschein bringt: dass im Klassenzimmer noch immer zu wenig gelobt wird. Die Forscher*innen beobachteten 3 Jahre lang Volksschulklassen. Dabei folgte man in manchen Fällen einem speziellen Unterrichtskonzept, welches die Kinder zuerst über das sozial erwünschte Verhalten informierte (z. B. zuhören, aufzeigen…). Schließlich wurden die Kinder auch dann gelobt, wenn diese „Selbstverständlichkeiten“ umgesetzt wurden.

Die Vergleichsklassen erfuhren keine Änderung in ihrem Unterricht, für sie lief alles wie immer.

Fazit: Die Schüler*innen, die öfters gelobt wurden, passten besser auf und arbeiteten um 30 Prozent mehr mit als ihre Kolleg*innen. Erwünschte Verhaltensweisen konnten erreicht werden, auch wenn das schrecklich klingt.

Aber ja! Schule ist auch Erziehungsarbeit. Und innerhalb dieser Erziehungsarbeit sollte das soziale Klima untereinander und auch der Respekt Lehrer*innen gegenüber ihren Schüler*innen nie zu kurz kommen! Wir brauchen nicht das ganze Schulsystem in Richtung wirtschaftlicher Verwertbarkeit zu revolutionieren, vielmehr sollten wir wieder zu einem guten Umgang miteinander finden und soziale Kompetenzen ins Zentrum stellen, auf Lehrer*innenseite wie auf Schüler*innenseite. Dazu gehört das Grüßen, dazu gehört das Zuhören, dazu gehört aus der Pädagog*innensicht in ganz zentraler Weise das Bestärken.

Es gibt eine Schule in Wien, auf deren Konferenzzimmertür „Mehr loben“ steht. Zwei Worte, die Lehrer*innen jeden Tag sehen, wenn sie den Mikrokosmos Lehrer*innenzimmer in Richtung ihres Unterrichts verlassen. Zwei Worte, die so wichtig sind, nichts kosten, sofort umgesetzt werden können und über die viel zu wenig gesprochen wird. Ändern wir das!

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Sind Gymnasiast*innen die besseren Schüler*innen?

Den Spruch „Bildung wird vererbt“ finde ich manchmal merkwürdig, auch wenn ich natürlich weiß, wie dieser gemeint ist. Ein bisschen klingt er aber so, als ob man weniger schlau zur Welt kommen würde, wenn man vielleicht weniger „gscheite“ Eltern hat. Außerdem schwingt mit, dass Kinder, die in der NMS sitzen, wenig Bildung erhalten würden.
Was vererbt wird, sind aber Chancen, ist soziale Herkunft. In Österreich ist der Bildungserfolg viel stärker von sozioökonomischen Kriterien abhängig als in anderen Ländern. Und daher stimmt der eingangs erwähnte viel zitierte Spruch ja auch wieder.

Kinder aus benachteiligten Familien sitzen weniger oft im Gymnasium, aber nicht, weil sie weniger intelligent wären.

Ich kann in dem Punkt aus dem Nähkästchen plaudern. Vorausgeschickt sei, dass sich Intelligenz nicht in Schulnoten messen lässt: Ich unterrichte selbst an einem Gymnasium. Gleichzeitig bilde ich an der Uni Lehrer*innen der NMS aus. Das heißt, ich bekomme Einblicke in ganz viele NMS in Wien und NÖ. Unlängst zeigte mir eine Studentin Texte von Schüler*innen einer 4. Klasse. Und wieder wurde meine Beobachtung der letzten Jahre bestätigt: Es gibt Kinder in der 4. NMS, die gleich gute – oder manchmal bessere – Texte als Kinder schreiben, die bei mir in der 4. Klasse Gymnasium ein Befriedigend haben.

Zugegeben: Es gibt auch einige Texte, die den Ansprüchen einer 4. AHS derzeit nicht genügen würden. Aber alleine die Tatsache, dass eben auch Kinder an der NMS sitzen, die bessere Leistungen als ihre AHS-Kolleg*innen erzielen, ist eine absolute Ungerechtigkeit im System. Wir dürfen nie aufhören, das zu thematisieren!

Alle Kinder sollten die gleichen Chancen haben, das zu erreichen, was sie wollen. Dort, wo es von zuhause nicht geht, muss die Schule den sozialen Ausgleich schaffen. Dafür setze ich mich weiterhin ein. #bildungfürallejuliamalle

Bildungsparadies Neuseeland?

Habe erst unlängst viel über das neuseeländische Schulsystem gelesen und finde, es liest sich vieles davon hervorragend! Es wäre toll, wenn der Staat den Schulen in Österreich zukünftig ähnlich viel Autonomie ließe wie in der Corona-Krise und eine Entbürokratisierung auf allen Ebenen anstreben würde.

1. Kreative Zugänge zum Lernen stehen im Zentrum, neuseeländische Schulen setzen auf hohe Sozialkompetenz, eine positive Fehlerkultur (Radiergummis werden aus dem Federpennal verbannt) und Elternarbeit. Eltern übernehmen auch gerne Verantwortung für das Schulgeschehen, weil sie nicht wie ein Fremdkörper im Mikrokosmos Schule behandelt werden. Schulen sind offene Einrichtungen, im wahrsten Sinne des Wortes. So etwas wie „schulfremde Personen“, ein Wort, welches man hier im Wochenrhythmus zu hören bekommt, gibt es nicht.

2. Es gibt in Neuseeland eine Art offene Schuleingangsphase, d. h. Kinder können unterschiedlich schnell in die 1. Klasse einsteigen. Für jene, die schon früher in die Schule wollen, ein Vorteil. Zusätzlich wird der Druck und das künstliche Aufgeladensein des 1. Schultages verhindert. Schule ist etwas Natürliches.

3. Es gibt Unterrichtsinhalte, von denen viele außerhalb des Klassenraumes stattfinden (education outside the classroom). Da schlafen Schüler*innen auch mal zwei Tage freiwillig im Wald 😉 oder übernehmen Verantwortung für sich selbst und andere. Vom Ansatz her erinnert dies an die Evangelische Schule Berlin, in der Fächer wie „Herausforderung“ und „Verantwortung“ gelehrt werden. Die zu hinterfragende Bedeutung der Hauptfächer hat sich bei uns gerade in der Corona-Krise gezeigt. Hauptfokus hierzulande: Mathe, Deutsch und Englisch.

4. Bei der Erstellung der neuseeländischen Lehrpläne haben 15000 Schüler*innen, Wissenschaftler*innen und Maori-Vertreter*innen mitgearbeitet. Alle Neuseeländer*innen durften Anmerkungen machen. Mühsamer Prozess, aber auf Dauer konnte man sich dadurch viele Probleme im Vorfeld ersparen.

5. Es gibt eine gemeinsame und allgemein geteilte Vision, im Gegensatz zu Österreich, wo es keine Task force Bildung gibt, die sich über längerfristige Ziele – und nicht nur bis zur nächsten Wahl – über Bildungsvisionen verständigt.

6. Kein „Othering“! Erklärung: In Neuseeland ist zum Beispiel die Herkunft der Schüler*innen niemals ein entscheidendes Kriterium, weder im Positiven noch im Negativen. Meines Erachtens deshalb so wichtig, da somit Zuschreibungen, Schubladisierungen etc. verhindert werden, sich aber auch niemand auf ein spezifisches Merkmal zurückziehen kann. „Man lässt nicht zu, dass sich Menschen wegen ihrer Herkunft schlecht fühlen – sie dürfen sich aber auch niemals überhöhen.“

7. Schulen in reicheren Gegenden bekommen weniger Geld, Schulen in finanziell schwächeren Gegenden mehr. Punkt. Das Credo lautet: „Eine gerechte Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass man alle gleich behandelt, sondern indem man die gleichen Voraussetzungen für alle schafft.“

!!! Neuseeland schneidet übrigens in allen Bildungsrankings im internationalen Vergleich sehr gut ab und kommt anscheinend ohne großartige Testesteritis und regelmäßigen „Kompetenzchecks“ an Schulen aus !!!

Für die, die mehr dazu lesen wollen: https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-12/bildung-neuseeland-schulen-lehrer-kinder-lernen

Quelle: https://search.creativecommons.org/photos/ca2fec4c-9d61-4745-bed9-5f394a502e9f

Bis jetzt 0 oder 1

Ich habe ein bisschen rumtelefoniert und mit einigen Direktor*innen gesprochen, wie viele Kinder derzeit an den Schulen (NMS, AHS) betreut werden. Häufigste Antwort: bis jetzt 0 oder 1. Gleichzeitig ist vielerorts die Sorge zu vernehmen, dass wir Kinder verlieren würden. Bildungsinitiativen, Direktor*innen, Bildungsexpert*innen u.v.m. schlagen in dieselbe Kerbe. Die soziale Frage, Bildungsungerechtigkeit wird endlich wieder diskutiert.

Meines Erachtens reicht es aber nicht, Rundschreiben zu verfassen, wer Betreuung braucht und wer nicht. Es ist ja schon – auch dank konservativer Kräfte in diesem Lande – fast mit Scham besetzt zuzugeben, dass man zuhause an seine Grenzen stößt. Ja, ich bin auch nicht dafür, dass ab morgen – ohne Überlegungen – wieder 1.000 Schüler*innen ein Gebäude stürmen und 100 Lehrer*innen sich ein Konferenzzimmer teilen, bei dem im Normalfall der Tierschutz einschreiten würde. Hier wird es bessere Überlegungen brauchen als beim Lockdown, als alles ganz ganz schnell gehen musste, Bankfächer geräumt und die Kinder mitsamt ihren Materialien nachhause geschickt wurden, um dann „digital“ unterrichtet zu werden. Eine Task force im Ministerium, bestehend aus Expert*innen, sollte sich mit der Frage des Wiederöffnens befassen, damit Klarheit herrscht, was im Mai und Juni möglich ist, im Sommer und darüber hinaus an Unterstützung möglich sein kann und dies vor allem rasch kommunizieren.

Und zum Jetzt: Ich lehne mich nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass jedes Klassenteam weiß, welche Kids zuhause auch jetzt aus unterschiedlichsten Gründen keine besondere Unterstützung erfahren, weil das auch schon vor Corona nicht der Fall war. Und ja, es gibt auch Fälle von Wohlstandsverwahrlosungen. Werden diese Eltern aber kommunizieren, dass sie Betreuung brauchen? In den meisten Fällen eher nicht. Es wäre daher an der Zeit, dass die Schulen in solchen Fällen endlich aktiv werden, dass die Klassenvorstände der sogenannten „Brennpunktschulen“, die Direktor*innen auch so mancher AHS proaktiv zuhause anrufen und den Eltern dringend ans Herz legen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Das geht sich aus, ohne dass wir sofort ein riesen Problem bekommen würden. Falls wir nämlich die Ängste, Kinder zu verlieren, wirklich ernst nehmen, dann darf die Antwort an keiner Schule „Bis jetzt 0 “ lauten.

Warum Inklusion?

Ein langer und sehr persönlicher Text, der erklärt, was Inklusion für mich bedeutet und warum es mein Herzensthema ist. Ich weiß, in der Kürze usw. Aber das Plakative folgt noch.

Warum Inklusion?

In meinem Beitrag über den Beweggrund meines politischen Engagements habe ich von gleichen Chancen geschrieben und mich stark auf das Studium bezogen. Heute geht es auch um gleiche Chancen, aber mit Blick auf Inklusion.

Inklusion verfolgt das Ziel, die Gesellschaft so zu ändern, dass Menschen mit Behinderung(en) automatisch eingeschlossen sind. Inklusion ist der Titel meines letzten Buches, Inklusion ist mein Dissertationsthema. Inklusion „betrifft“ mich in der Familie.

Mein Bruder hat eine Hörbehinderung. Ich sage bewusst Behinderung, da es auch ganz oft die Gesellschaft ist, die behindert und weil es eben nicht nur ein Behindertsein, sondern auch ein Behindertwerden gibt.

Mein Bruder, Marco, ist im Alter von einem Jahr an einer Gehirnhautentzündung erkrankt, wäre fast gestorben und hat sein Gehör verloren. Es begann ein Leidensweg, v. a. für meine Eltern und meinen Bruder. Hörgeräte, die nicht sonderlich viel brachten. Umzug von Döbriach nach Krumpendorf. Sonderkindergarten. Unwohlfühlen im Sonderkindergarten. Mein Bruder hat in diesem „Spezialkindergarten“ in Kärnten unter „Seinesgleichen“ nur schwarze Vögel gezeichnet, sich geweigert dort zu essen und seinen Mittagsschlaf zu machen.

Es folgte ein Umzug zurück nach Döbriach. Auch für mich nicht immer sehr leicht. Die Volksschulklasse verlassen, das Gefühl, dass mein Bruder extrem viel Aufmerksamkeit braucht. Gleichzeitig das Gefühl, dass mein Bruder von manchen Kindern aufgrund seiner Behinderung manchmal ungerecht, in jedem Fall anders behandelt wurde. Das hat mich vor Wut zum Weinen gebracht.

Als Marco sechs Jahre alt war, bekam er als eines der ersten Kinder in Österreich das Cochlea Implantat, eine technische Möglichkeit, damit „gehörlose“ Menschen wieder hören können. Die Operation erfolgte in Hannover, die damit zusammenhängenden Reisekosten waren für einen Haushalt, in dem insgesamt eine Person Normalverdiener war, enorm.

Das Einsetzen des Implantats im Innenohr erfolgte mit sechs Jahren. Da ist das Sprachenzentrum im Gehirn schon soweit abgeschlossen, dass die Aussprache eine „härtere“ bleibt. Ich habe meinen Bruder jedoch immer verstanden, da ich es von klein nicht anders kannte. In jedem Fall folgte für meine Eltern intensives Üben von Sprechen und Hören, unzählige Besuche bei Logopäd*innen und ganz viele Reisen.

Ungewöhnlich an der Geschichte meines Bruders ist, dass er das erste Kind war, bei dem das Elternrecht auf Integration schlagend wurde. Wäre er ein Jahr früher geboren, wäre sein Weg mit der Sonderschule klar gewesen. So konnte er in die örtliche Volksschule gehen, deren Lehrer*innen liebevoll, aber keineswegs auf die Situation vorbereitet waren. In der Sporthauptschule war es dann noch schwieriger. Meine Eltern und mein Bruder mussten etwa Demütigungen einer Lehrerin wie „Dieses Kind unterrichte ich sicher nicht“ über sich ergehen lassen, die menschlich nicht nachvollziehbar sind, wenn man an soziale Kompetenz denkt. Zu dieser Zeit war jedoch noch niemand darauf vorbereitet, dass auch Kinder in der Klasse sitzen würden, die nicht der sogenannten Norm entsprechen. Keine didaktischen Hilfsmittel, keine Sensibilisierungsarbeit. Nichts. Zum Teil sind wir heute nicht weiter.

An meiner Schule sitzen Kinder, die normalerweise nicht in einem Gymnasium sitzen würden und nicht an jeder Schule aufgenommen würden. Aber unterrichten wir deswegen inklusiv? Das würde ich nicht behaupten wollen. Dazu fehlt das Know-how und hier müsste man bereits in der Ausbildung anknüpfen. Das Lehramtsstudium Inklusive Pädagogik ist ein erster wichtiger Schritt.

In Marcos Fall ging es um Integration, im Sinne einer Anpassung des Einzelnen an die Gesellschaft, deren Teil er dann sein konnte. Er musste quasi ein bisschen so werden wie seine Klassenkolleg*innen. Mehr war damals undenkbar. Inklusion geht aber noch weiter. Sie setzt nicht beim Individuum, sondern bei der Gesellschaft an.

Der Ruf nach Inklusion bereitet manchen Eltern Sorgen. Sie haben Ängste, dass ihr Kind nicht mehr gut genug betreut wäre, individuell und strukturell. Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen. Ich hospitiere in Volksschulen, in denen meist eine Lehrerin alleine mehrere Kinder nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet. Das kann nicht sein!

Inklusion darf niemals als politische Sprechblase missbraucht werden. Es darf nicht sein, dass Unterstützung eingespart und Inklusion ausgerufen wird. Für Inklusion muss man sensibilisieren. Inklusion wird etwas kosten. Inklusion ist aber auch Menschenrecht und durch die UN-Behindertenrechtskonvention eben als solches Recht abgesichert. Niemand soll verurteilt werden, für eine ernsthafte Inklusion einzutreten. Niemand dafür verurteilt werden, nicht fertig durchdachte Inklusion in Frage zu stellen.

In einer gerechten Welt, in einer Vision für die Zukunft würden sich die Fragen von In- oder Exklusion gar nicht mehr stellen. Doch so weit sind wir noch nicht. Wir können jedoch jetzt den Grundstein dafür legen. Das fängt an bei inklusiv gestalteten Spielplätzen, auf denen alle Kinder gemeinsam spielen können und geht weiter zu digitalen Inklusionslandkarten, die zeigen, welche Orte wirklich barrierefrei sind.

Dank der großen Unterstützung durch meine Familie hat es Marco geschafft, sein Leben selbstständig zu meistern. Er hat eine Lehre abgeschlossen und sein Unternehmen hat durch seine Einstellung enorm profitiert. Mein Bruder ist bestens in den Betrieb inkludiert und leistet als Betriebsschlosser sehr wichtige Arbeit. Auch in seiner Freizeit hat er sich selbst verwirklicht: Marco widmet sich unermüdlich dem Kunsthandwerk und ist über seine ersten Ausstellungen sehr stolz. Als seine Schwester bin ich es auch! 

❤❤❤

Text und Fotos wurden von meinem Bruder genehmigt.

„Frau Fessa, Sie sind eine Feministin, genau wie meine Mutter…“

Ich habe eine Beobachtung im Unterricht gemacht: Es kann vorkommen und kommt vor, dass Kids lachen, wenn sie in Texten oder sonst wo auf das Thema Homosexualität stoßen. Dieses Lachen kann natürlich Unsicherheit sein. Keine Frage. Mit einer meiner ersten Klassen habe ich die folgende Stelle aus einem Buch gelesen und eigentlich auch schon damit gerechnet, dass ich gleich reagieren werde müsse. Kurz: Ich habe mit Gelächter gerechnet. Und dann? Nichts. Völlige Unaufgeregtheit. Keines der Kids hat auch nur das Gesicht komisch verzogen. Ich habe mich insgeheim extrem gefreut und natürlich nix gesagt. Wäre auch ganz schön blöd! In dem Fall wäre es kontraproduktiv gewesen und hätte erst recht das Herstellen von Differenz gefördert.

Aus meinem Schulalltag weiß ich, wie wichtig geschlechtersensibles Verhalten auch für Lehrer*innen ist, da es ganz oft Schule und Kindergarten sind, in denen sich Geschlechterstereotype verfestigen. Unsensible und einseitige Bilder von Gesellschaft in Schulbüchern, Klassenlisten, die nach Buben und Mädchen trennen und den Dualismus festschreiben, Lehrer*innen (natürlich nicht alle!), die in ihren eigenen Mustern leben und danach handeln. Nicht jede Schule lässt Platz jenseits klar definierter Rollen und Erwartungen.

Zu einem guten Schulklima gehört nicht nur das Abkühlen von Schulen 😉 (wie ich an anderer Stelle fordere), sondern auch das Angebot gendersensibler Lern- und Lehrinhalte und eine entsprechende Kommunikation im Klassenzimmer. Und nicht nur in der Schule. Das Bewusstsein für Gleichstellung sollte schon in der Elementarpädagogik, sprich im Kindergarten gefördert werden.

Ich bin extrem stolz auf die oben erwähnte Klasse, für die so vieles selbstverständlich ist. Und das ist sicher nicht alleine mein Verdienst. Vielleicht hatten die Kinder das Glück in Volksschulen und Kindergärten gewesen zu sein, die darauf geachtet haben, geschlechtergerecht zu handeln. Möglicherweise kennen sie es von zuhause auch sehr gut. In einer 4. Klasse, in der Abgrenzung altersgemäß irgendwie dazugehört, ist mir einmal gesagt worden: „Frau Fessa, Sie sind eine Feministin, genau wie meine Mutter…“ Und als ich nach der Matura einige wiedergetroffen habe, meinten sie, dass sie vieles von dem, was ich ihnen gesagt hätte, jetzt sehr gut verstehen würden. Ungleichbehandlung existiert.

Umso ärgerlicher war für mich eine vor zwei Jahren gemachte Erfahrung, als ich in einem 30-köpfigen Expert*innenteam sehr viel Zeit im Ministerium verbrachte, um den Grundsatzerlass von 1995 „Erziehung zur Gleichstellung von Mann und Frau“ für Schulen neu zu schreiben und an das Jahr 2017 anzupassen. Viel Herzblut steckte da drin, um den Dualismus Mann – Frau zu überwinden. 30 Expert*innen, die ihre Zeit zur Verfügung stellten und sich dann mit der Situation konfrontiert sagen, dass der alte Erlass aus 1995 zwar aufgehoben wurde, der neue jedoch nie erschien. https://www.bmbwf.gv.at/…/schulre…/rs/1997-2017/1995_77.html

Unsere damalige Bundesrätin und jetzt Klubobfrau-Stv.in im Parlamentsklub, Ewa Ernst-Dziedzic, wurde übrigens sofort aktiv und hat im Bundesrat die notwendige Anfrage gestellt: https://www.parlament.gv.at/…/J-BR/J-BR_…/imfname_698240.pdf

Jetzt kürze ich ein bisschen ab. Der Grundsatzerlass wurde unter Schwarz-Blau dann doch wieder herausgebracht, jedoch nicht in der von uns formulierten Form, sondern gänzlich anders. Mit viel Kopftuch, mit viel Religion. Der Standard hat berichtet:
https://www.derstandard.at/…/neuer-grundsatzerlasses-mehr-r…

Wir brauchen nicht lange darüber zu reden, wes Geistes Kind das ist. Und ich hoffe, dass die neue Bundesregierung sich auch dieser Thematik annehmen wird, denn im Nachhinein wäre ich froh gewesen, hätte man den Erlass aus 1995 beibehalten. Er war nachgerade revolutionär im Vergleich zum derzeit gültigen. Ein fortschrittlicheres Papier läge in jedem Fall in der Schublade und harrt der Umsetzung.

Papier alleine ist aber zunächst nicht mehr als geduldig. Wir müssen es auch mit Leben füllen. Vom Kindergarten an. Kids kommen nicht mit irgendwelchen Schwarz-Weiß-Bildern, Vorurteilen oder in Rosa bzw. Blau auf die Welt. Sie denken nicht von sich aus, dass nur Mutter-Vater-Konstellationen die „richtigen“ wären. Erst die Sozialisierung, die Institutionen bewegen sie viel zu oft in die eine oder andere Richtung. Und wir müssen alles dafür tun, dass es nicht die rückwärtsgewandte Sicht auf die Welt ist. Denn zu einem guten Schulklima gehört auch die absolute Gleichstellung. Dafür setze ich mich.

#bildungfürallejuliamalle

Personalsituation an Schulen

Ich möchte zu dem Artikel im heutigen Standard, der von einer prekären Personalsituation an Schulen spricht, Stellung beziehen. Eine parlamentarische Anfrage hat gezeigt, dass Lehrer*innen im letzten Schuljahr 5,1 Millionen bezahlte Überstunden geleistet haben. Dies deute, so Neos-Bildungssprecherin Martina Künsberg, auf die prekäre Personalsituation in den Schulen hin. Die Schuld liege ihres Erachtens darin, dass zu wenig getan werde, mehr Lehrkräfte auszubilden und den Beruf attraktiver zu machen. „Dazu gehörten Ausbildungsangebote für Quereinsteiger aus anderen akademischen Berufen und bessere Anrechnungsmöglichkeiten bei Gehaltseinstufung.“

So. Jetzt ist, was die Attraktivierung des Berufs betrifft, einiges an Luft nach oben. Die Arbeitsplätze für Lehrpersonen gleichen in den meisten Fällen Legebatterien. Hier sollte mal ein Arbeitsinspektorat darauf schauen.
Und die Anrechnungsmöglichkeiten von Vordienstzeiten sind wirklich ein Witz. Persönliches Beispiel: Praktikum in der Gemeindegärtnerei: „Ja, das könnte vielleicht angerechnet werden.“ Tutorium an der Uni (d. h. Lehrtätigkeit und so etwas wie Nachhilfe für andere Studierende): „Nein, geht sicher nicht!“

Das sind allerdings schon die einzigen Kritikpunkte, die ich teile. Was ich noch hinzufügen möchte, ist, dass der Run auf die AHS ein viel höherer ist als auf die NMS. Und auch in den Volksschulen gibt es scheinbar schon größeren Personalmangel. Vielleicht – sorry für den Sarkasmus – sollte man mal über die dortige Aufnahmeprüfung nachdenken, für die man schon fast ein musikalisches Talent sein muss. Ich kenne sozial kompetente und top ausgebildete Menschen, die musikalisch scheiterten. Bitte sagt mir, wenn ich mich irre, dass dies eine zu große Hürde ist.

Wenn ich die Studierendenzahlen in meinen Uni-Kursen (45 plus) anschaue, dann wundere ich mich aber gleichzeitig schon über die Aussage, „dass zu wenig getan wird, mehr Lehrkräfte auszubilden.“ Es gibt sogar schon Aufnahmestopps in manchen Fächern und Städten. Überhaupt nicht einverstanden bin ich daher mit der allgemeinen Behauptung, dass die Personalsituation insgesamt prekär wäre.

Es gibt Mangelfächer, keine Frage und dort ist sie wirklich prekär. In Mathematik und anderen naturwissenschaftlichen Fächern wurden immer wieder Quereinsteiger*innen ohne didaktisch-pädagogische Ausbildung aufgenommen, da man sonst den laufenden Betrieb nicht aufrechterhalten hätte können.

In vielen Fächern, vor allem in den Sprachen, schaut die Sache jedoch ganz anders aus. Ich weiß von fertig ausgebildeten Lehrer*innen, die keinen Job finden. Ich weiß, dass Leute auf Wartelisten für einen Job stehen. Und ich kenne Leute ohne Ausbildung in Sonderverträgen, die sehr wohl einen haben. Ich kenne junge Lehrer*innen, die keine volle Lehrverpflichtung bekommen und gerne eine hätten. Ich kenne viele Lehrer*innen, die freiwillige Überstunden machen, um ihr Gehalt aufzubessern. An meiner Schule gibt es – soweit ich weiß – keine Lehrer*innen, die zu Überstunden verpflichtet werden. Hilf mir, Ilse Rollett, wenn ich mich irre.

Insgesamt ist die Vergabe von Lehrer*innenstellen einigermaßen intransparent. Ich schaue jedes Jahr nach, ob Italienischstunden ausgeschrieben sind und wundere mich jedes Jahr, wenn es mehr als 3 sind. In ganz Wien. Komischerweise bekommen dann doch manchmal Leute Stunden, weil sie die besseren Connections haben. Ein bisschen mehr wissen als andere.

Liebe Kolleg*innen von den Neos! Ich wünsche mir mehr Differenzierung in der Fragestellung.
Stellt bitte auch die Frage, warum an manchen Schulen Personalmangel herrscht und was das mit dem Sozialen und dem Ruf der NMS zu tun haben könnte. Ich kenne aber auch Leute, die auch an der NMS keinen Job bekommen haben. Just saying.

Und ad Quereinstieg: Es gibt tolle und weniger tolle Quereinsteiger*innen. Genauso wie es tolle Lehrer*innen gibt, die akademisch geprüft sind. Und ja, auch schwierigere Fälle, die akademisch geprüft sind.
Ich selbst habe vom Sondervertrag profitiert. In einer Zeit, in der man auch in Deutsch keine Person gefunden hat, die unter dem Jahr einsteigen wollte. Ich bin somit quasi selbst quer eingestiegen. Und ich war froh, Mentor*innen an der Schule gehabt zu haben und die Uni als anderen Ort des Nachdenkens über mein Tun.

Der Quereinstieg alleine wird uns übrigens das Schulsystem nicht retten. Nein, ganz sicher nicht.

Hier der Artikel:

https://www.derstandard.at/story/2000114508430/lehrer-leisteten-201819-rund-fuenf-millionen-ueberstunden-fuer-300-millionen

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