Nach einer Woche, in der das öffentliche Leben irgendwie zum Erliegen gekommen ist und die Schulen den Regelunterricht eingestellt haben, möchte ich zwei Gedanken zum Lehrer*innendasein in der Krise loswerden.
1.
„Mit einem Schlag wurde Unterricht digital.“ Diesen – fast feierlich vorgebrachten – Satz habe ich zuletzt des Öfteren gehört. Anfangs habe ich ihn mal dort und da selbst angebracht. Nach einer Woche muss ich sagen: Stimmt nur bedingt.
Ich weiß sehr gut, dass es unter den Lehrer*innen auch solche gibt, die ihre Schüler*innen sich selbst überlassen und sich nicht darum kümmern, wie die Kids die Zeit verbringen. „Ich bin kein digital native“ kann bei dem Überangebot an benutzer*innenfreundlichen Tools oder simplen Online-Übungen nicht als Ausrede gelten. ABER: Solche Fälle gibt es in ausnahmslos JEDER Berufsgruppe. Aus meinen Beobachtungen kann ich feststellen, dass die riesengroße Mehrheit der Lehrer*innen sich irrsinnig ins Zeug legt – gerade auch die älteren Kolleg*innen – und sehr wohl guten Fernunterricht ermöglicht, zum Teil sogar mit mehr Aufwand als durch physische Präsenz.
Und wenn man ein Fach unterrichtet, wo das sogenannte Homeschooling eventuell ein wenig schwieriger ist, kann man das auch so lösen, wie mein Kollege in der Rahlgasse, der eine wahnsinnig nette Idee hatte: https://kurier.at/kiku/chance-selbst-zu-entscheiden-wie-ihr-eure-zeit-fuellen-wollt/400785344
2.
Weil dieser Tage alle immer von Entschleunigung reden, habe ich mich gefragt, wie es diesbezüglich bei mir, eine Woche danach, aussieht.
Und so viel kann ich sagen: Von Entschleunigung keine Spur. Ganz im Gegenteil. Ich habe von Montagmorgen bis Freitagabend (und zum Teil auch heute) mit ca. 100 Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen kommuniziert. Ich habe per Mail, per Moodle, per Webuntis-Messenger alle möglichen Fragen beantwortet, Aufgaben bekommen und welche zugestellt. Und es ist ja jetzt nicht so, dass ich zum 1. Mal digital unterrichte. Ich muss mich selbst zwingen, am Samstagabend nicht auf jede Frage sofort einzugehen und 24/7 erreichbar zu sein. Von den Korrekturarbeiten habe ich jetzt dabei noch nicht gesprochen.
Ich habe lange Elternbriefe geschrieben, da es mir wichtig scheint, diese – bei 10- bzw. 14-jährigen Kids – zumindest zu informieren, was da gerade so passiert im Deutschunterricht. Ich habe nette Antworten bekommen und wiederum auf diese geantwortet. Ich habe ihnen gesagt, dass ich mir wünsche, dass sie möglichst wenig vom Unterricht mitbekommen, um sie nicht zusätzlich zu belasten.
Ich habe den Kindern neue Passwörter zugeschickt, weil sie ihre vergessen hatten oder krank waren. Ich habe von kaputten Handys und Laptops gehört. Ich habe Kids beruhigt, die sich geärgert haben, dass jede_r Lehrer_in etwas anderes will, andere Tools benützt und dass es keine schulinterne Regelung gibt. Ich habe extrem viele Kinder und Eltern beruhigt, wenn Sachen in der Schule vergessen wurden. Ich habe mit Müttern und Vätern geschrieben, die mit der Situation komplett überfordert sind, weil sie zuhause drei Kinder betreuen, daneben arbeiten oder alleinerziehend sind. Und manchmal alles zusammen. Ich habe mit solchen gesprochen, die gerade nicht die technischen Voraussetzungen haben, digital lernen zu können. Ja, auch das gibt es. Ich habe mit Kindern geschrieben, die gut mit allem zurechtkommen, die ihre Aufgaben selbstständig erledigen können. Ich habe mit Eltern geschrieben, die heillos überfordert sind- jedoch nicht aufgrund der Aufgaben. Ich habe Kindern Mut zugesprochen, denen die Schule fehlt, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und habe ihnen Bastel- und Spieletipps geschickt. Die Seiten Fragfinn.de https://www.fragfinn.de/ und helles-koepfchen.de https://www.helles-koepfchen.de/ kann ich dazu übrigens für die Kleinen sehr empfehlen. Ich habe mit Kindern kommuniziert, denen es zuhause „sehr gut“ geht. Und ich habe von manchen Kindern bislang noch gar nichts gehört und habe meine Vermutungen, warum dem so ist. Ich habe aber vor allem wahnsinnig viel über mich selbst gelernt und für meinen Unterricht mitgenommen.
All diese oben genannten Aspekte müssen in der Frage des digitalen Unterrichtens mitbedacht werden. Und auch die Tatsache, dass nicht alle Kinder grad den Kopf frei haben zu lernen, oder wie ein Kollegin in einem Mail so schön schreibt:
„Bitte denkt daran, dass unsere Schülerinnen nicht nur froh sind, dass sie keine Schule haben, sondern ich habe einige in den letzten Tagen erlebt, die sich auch Sorgen machen. Wir wissen nicht, wie viele Eltern arbeitslos werden, welche Großmütter oder Großväter ins Spital kommen usw. Also ganz real, haben manche unserer SchülerInnen vielleicht auch eine schwere Zeit vor sich.“
Und nochmals zur Entschleunigung: In einer Hinsicht merke ich sie nun doch. In all meinem Tun komme ich ungewohnt langsam voran. Vielleicht, weil sich manchmal die Fassungslosigkeit meldet, ich innehalten muss und mich frage, in welch unglaublichen Zeiten wir da gerade leben.
Ein Feedback – wie unten – von den Kindern, die sich mit der Situation zuhause sehr leichttun, ist für mich dann die schönste Rückmeldung <3.























